BuchRücken

Verzockt

Heide Simonis liest aus ihrem Buch

Heide Simonis schreibt Bücher. Das Letzte stellte sie am 18.06. in Freiberg vor. Eigentlich aber hat sie sogar selbst Geschichte geschrieben. Von 1993 bis 2005 war sie Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. Ein derartiges Amt hatte vor ihr noch keine Frau inne und bis 2009 blieb sie auch die Einzige. Über ein Jahrzehnt hat sie sich in der illustren Männerrunde des Bundesrats behauptet, sich Respekt und Anerkennung verschafft. Natürlich konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen so ungewöhnlichen Menschen von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen, umso mehr, da ich derselben Partei angehöre und im –freilich ungleich kleineren Rahmen - früher selbst finanzielle Verantwortung trug. Der Kreis der Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Freitag war überschaubar, allerdings zum großen Teil durchaus sachkundig. Darunter Professoren der Bergakademie, ein Sparkassenvorstand und ehrenamtliche Verwaltungsräte. Dr. Simone Raatz stimmte die Anwesenden auf den besonderen Gast ein und moderierte im Übrigen auch später die Veranstaltung gekonnt. Heide Simonis war etwas beschwerlich – wie sie beklagte – mit der Bahn angereist, hatte sich geringfügig verspätet und kam deshalb gleich zur Sache. Ihr Buch „Verzockt" umfasst zwar nur 150 Seiten – die Kunst der Beschränkung, der richtigen Auswahl des Vorzulesenden macht das nicht geringer. Immerhin geht es darin um jene Probleme, die uns an den Rand einer neuen Weltwirtschaftskrise brachten. Heide Simonis, selbst gelernte Volkswirtin, stellte den 15.September 2008 an den Anfang. Damals meldete die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz an – was viele Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft nicht hatten sehen wollen, war unübersehbar geworden. Gleich einer heimtückischen Krankheit hatte das System kreditfinanzierter und maßlos überbewerteter amerikanischer Immobilien zu einer schweren Vertrauenskrise innerhalb der und in die Finanzsysteme geführt. Über weltweit gehandelte Fonds breitete sich das Ganze wie eine bösartige Wucherung aus, die nicht nur Börsen erschütterte, sondern Länder an den Rand des Bankrotts brachte. Nun war auf einmal die Politik gefragt, deren Einmischung man sich ansonsten in Finanz- und Wirtschaftskreisen entschieden verbittet. Heide Simonis ging auf die Rettungsmaßnahmen ein, beschrieb die Fehleinschätzungen führender Banker und geißelte das Bonussystem. Das war schon Stoff genug für die nachfolgenden Fragen und eine überaus interessante Diskussion. Dabei blieb nicht ausgeklammert, dass die Landesbanken in der Bundesrepublik deutlich stärker als die Privatbanken betroffen sind. Ursache ist aber im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung nicht die mangelnde Kompetenz der politisch bestimmten Aufsichtsgremien, sondern die fast völlig fehlende Bindung dieser Institute an die Wirtschaft. Selbstverständlich ist es jedoch eine Lehre aus den Vorgängen, dass die Kontrolle über die Finanzmärkte verstärkt und qualifiziert werden muss. Hier stehen wir im Grunde genommen ganz am Anfang. Eigentlich besteht kein Zweifel, dass unser heutiges System professioneller Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfungsunternehmen dieser Aufgabe nicht gewachsen ist. Es wird völlig neuer Ansätze bedürfen, um künftig zu verhindern, dass Gewinne hemmungslos privatisiert und Verluste schamlos sozialisiert werden. Mit diesem Konsens endete die Veranstaltung. Gert Dombdera bedankte sich im Namen unseres Ortsvereins mit einem Blumenstrauß. Ich habe das Buch erworben und in einem Zug ausgelesen. Heide Simonis hat „Mit Dank" hineingeschrieben. In Wahrheit bin ich ihr dankbar. Hoffentlich meldet sie sich auch in Zukunft wieder zu Wort. Solche scharfsinnigen Analysen werden gebraucht.

Arnd Böttcher