Über die Redlichkeit von Argumenten (leider notwendige Fortsetzung)

Der folgende Text gehört zu einem Flyer, den Mitglieder von "ProWald" vor der Stadtratssitzung am 03.03.2011 austeilten. Die hierin aufgestellten Thesen sollen auf ihre Aussagekraft untersucht werden. Unter 1. wird behauptet, dass die Freiberger nach dem Bau der OU keinen Erholungswald mehr hätten. Gemäß Planfest-
stellungsbeschluss (S. 119) werden durch die Maßnahme dauerhaft 10 ha Wald in Verkehrsgelände umgewandelt. Die gesamte Waldfläche im Stadtgebiet beträgt nach dem Statistischen Jahrbuch 2009 der Stadt Freiberg 1.016 ha (S.32, Tabelle 11). Das Vorhaben beanspruchte also auf Dauer 0,98% des derzeitigen Bestands (Fürstenbusch, Hospitalwald, Stadtwald, Rosinenbusch). Die Feststellung unter 1. ist folglich nicht nachvollziehbar. Angesichts der dargestellten Flächenbilanz bedarf die Behauptung 2. eigentlich keines weiteren Kommentars. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass sie zu 3. im klaren Widerspruch steht. Nach 2. wäre es unmöglich, in den (zunächst) verbleibenden 1.000ha (!) Wald überhaupt noch Erholung zu finden, weil das der Ortsumgehung ausgehende Verkehrslärm ausschlösse. Offensichtlich erwartet man also eine extrem starke Verkehrsbelegung auf der OU. Das ist schon eigenartig, weil ja angeblich diese Straße gar nicht gebraucht wird. Noch seltsamer ist aber, dass gemäß 3. keine Lärmminderung in der Innenstadt zu erwarten sei. Woher käme dann der zusätzliche Verkehr auf der Ortsumgehung? Zu 4. ist bereits im ersten Beitrag ausgeführt worden, dass sich die Straßeninstandhaltung tatsächlich nach Entwidmung der Bundesstraßenabschnitte in Freiberg für die Stadt verteuerte. Allerdings stünden diesem Nachteil weit überwiegende Vorteile gegenüber. Die Liste solcher Vorteile ist lang. Erwähnt seien hier nur beispielhaft die Erhöhung der Wohnqualität an bislang stark verlärmten und mit Feinstaub belasteten Innenstadtstraßen, die Gewinnung der Planungshoheit für wichtige innerstädtische Straßenverbindungen, die Verbessserung des gesamten Mikroklimas in der Innenstadt und die Steigerung des Erholungswerts der Parkanlagen. Da die Wohnqualität einen wichtigen so genannten "weichen" Standortfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung darstellt, trägt ihre Verbesserung logischerweise dazu bei, die Gewerbesteuereinnahmen zu stabilisieren oder sogar zu erhöhen. Zur Frage unter 5.ist vorab zu bemerken, dass größere Straßenbauvorhaben stets in mehreren Abschnitten realisiert werden müssen. Dafür gibt es einleuchtende Gründe, z.B.: Beeinträchtigung bestehender Verkehrsverbindungen, Darstellung der Finanzierung und begrenzte Verfügbarkeit der erforderlichen Baukapazitäten. Logischerweise wird bei zwei Abschnitten zunächst derjenige gebaut, der für sich bereits einen Effekt in der gewünschten Richtung bewirkt und zugleich unerlässliche Voraussetzung für die Wirksamkeit des Zweiten ist. Genau deswegen würde im Falle der Freiberger Ortsumgehung zuerst der Westabschnitt gebaut, weil er (a) die aus dem Süden (Erzgebirge, B101) kommenden Verkehrsströme ohne Passage der Innenstadt zur BAB A4 ableitet und (b) später auch die aus den Gewerbegebieten über den Ostabschnitt der Umgehung ankommenden Lkw-Transporte ohne Durchquerung der Innenstadt zur Autobahn ableiten kann. Es wäre widersinnig, zuerst den Ostabschnitt zu errichten, weil es schon jetzt praktisch keine Kapazitätsreserven der B101 mehr gibt. Wegen 6. sei nochmals auf den ersten Beitrag verwiesen. Ergänzend kann man hinzufügen, dass der mittlere Weg, den Freiberger aus allen Stadtteilen bis zum jeweils nächstgelegenen Waldrand zurücklegen müssen, in vorsichtiger Schätzung reichlich 2 km beträgt. Die zu erwartenden Verlängerungen wären mithin nicht nennenswert. Zur Behauptung unter 7. muss man feststellen, dass es tatsächlich zu einer Verlärmung von Teilen des Erholungswalds käme. Diesem Nachteil soll durch die Aufforstung entgegengewirkt werden. Es ist vorgesehen, über 60 ha Wald neu anzupflanzen. Das ist im Sinne der Nachhaltigkeit eine echte Verbesserung. Es kann nicht nachvollzogen werden, dass der gesamte für die Erholung verfügbare Wald durch die Umgehungsstraße unerträglichen Lärmbelastungen ausgesetzt wäre. Die weitaus meisten Erholungsuchenden unternehmen unstrittig längere Spaziergänge im Wald - etwas Anderes wäre angesichts der mittleren Grunddistanz zum Wald überhaupt nicht sinnvoll. Solche Wanderungen können auch künftig in Bereiche des Hospitalwalds, Stadtwalds oder Fürstenbuschs führen, die kaum oder gar nicht durch die Ortsumgehung beeinträchtigt sind. Wenn sich Freunde des Waldes wie unter 8. negativ zur beabsichtigten Aufforstung äußern, kann das eigentlich nur befremden. Die Stadt Freiberg hat große Anstrengungen unternommen, die Schäden auszugleichen, die durch den Sturm "Kyrill" und flächenhaften Befall mit dem Borkenkäfer entstanden waren. Dadurch hat sich in Summe der Waldbestand sogar seit 2005 um 16 ha erhöht. Angesichts dieses Herangehens von einer beabsichtigten "Zerstörung des beliebtesten Naherholungsgebiets Hospitalwald" zu sprechen, zeugt nicht gerade davon, dass man über hinreichende Sachkunde verfügt. Bei wirklich ernster Sorge um den Wald hätte man sich den jährlichen Waldbegehungen angeschlossen und einfach wissen wollen, wie es etwa nach Kyrill weitergeht. Die jetzigen Protagonisten haben sich aber in dieser Hinsicht damals nicht hervorgetan, so dass die Frage erlaubt sein muss, worum es ihnen heute in Wahrheit geht.
Ergänzende Bemerkungen vom 29.03.2011:
Nach dem Bau der Umgehungsstraße würde die Belastung einiger Innenstadtstraßen durch den Lkw-Verkehr stark abnehmen, was den Instandhaltungsaufwand verringerte und den Zeitraum zwischen grundhaften Sanierungen vergrößerte. Die so eingesparten Aufwendungen sind den Mehrausgaben für die Übernahme der bisherigen Bundesstraßen in die städtische Trägerschaft gegen zu rechnen.

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